Einvernehmlich?

Überall liest man von „Sexskandal“, „Gewalt gegen Frauen“ oder „er zwingt sie zum Sex“. Dabei gibt es für all das kein anderes Wort als „Vergewaltigung“. Es sind keine Skandale oder Zwänge, es ist Gewalt, körperliche und auch psychische. Gewalt gegen Frauen ist oft auch Gewalt von Männern.

Warum gibt es überhaupt die Bezeichnung „einvernehmlicher Sex“? Sex beruht auf Anziehung und Zustimmung, somit ist er immer einvernehmlich. Alles andere ist eine Vergewaltigung. Simple as that. Wenn wir von einvernehmlichem Sex reden, dann suggerieren wir doch auch, dass es uneinvernehmlichen Sex gibt? Aber den gibt es nicht. Wenn wir etwas so brutales wie eine Vergewaltigung, nicht als solche betiteln, dann schützen wir am Ende den Täter und nicht das Opfer.

Wieso wird es nicht klar benannt?

Warum sieht man immer wieder Statistiken darüber, wie viele Frauen sexuell belästigt oder vergewaltigt wurden? Aber keine einzige darüber, wie viele Männer sexuell belästigen oder vergewaltigen? Anstatt die Täter aufzuzeigen, schiebt man uns Frauen immer die Opferrolle zu. Ja, wir sind Opfer von sexueller Gewalt, aber es gibt kein Opfer ohne Täter.

Wir werden gefragt „Was machst du um die Uhrzeit noch draußen?“, „Was hattest du an?“, uns wird gesagt „Guck in der Bahn niemandem in die Augen und lass dich nicht ansprechen!“. Uns wird suggeriert, dass wir schuld daran sind. Ein „Ich habe einen Freund“ zeigt mehr Wirkung als ein „Nein!“. Männer respektieren die Präsenz eines anderen Mannes mehr, als ein klares Wort einer Frau. Je mehr mir das bewusst wird, umso übler wird mir.

Die Schuld liegt nicht bei uns

Welchem Mann wird gesagt „Sprich keine fremden Frauen an.“, „Bedränge niemanden.“ und „Lauf keiner Frau hinter her und zieh sie in eine dunkle Gasse!“? Doch wie viele Männer sagen „Bei so einem Outfit musst du damit leben, dass man dich belästigt“? Aber wie oft ich mir schon gedacht habe „Nee, das Kleid ziehe ich nicht an. Ich habe keinen Nerv für ekelhafte Sprüche.“ merkt niemand. Ob ich mich in dem Kleid wohlfühle und ich es für mich anziehen möchte, spielt offensichtlich nie eine Rolle. Keine Frau hat ein Problem zu flirten und angeflirtet zu werden. Aber es ist nicht schwer vorher abzuchecken, ob Interesse auf beiden Seiten besteht oder nicht.

In welchem Universum wird eine Frau stehen bleiben und mit dir flirten, wenn man hinter ihr her miaut, oder welche Frau fühlt sich wohl, wenn du deine Jungs antippst und auf sie zeigst und Kussgeräusche machst? Welche Frau denkt sich „Oh, die fremde Hand an meinem Hinter fühlt sich gut an, den Typ knutsch ich doch gleich mal ab!“. Merkt ihr selbst, oder?

One thought on “Einvernehmlich?

  • 10. Dezember 2017 at 2:32 pm
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    Ich finde, das ist auf der einen Seite „praktisch“ vollkommen richtig, auf der anderen Seite „theoretisch“ aber doch etwas komplizierter.

    Denn es gibt ja immer mindestens zwei Perspektiven, und bei Vorsatzdelikten („gegen den erkennbaren Willen“) kommt es eben auf die Sichtweise des vermeintlichen Täters an, wenn es darum geht, ob der Tatbestand und damit ein Delikt vorliegt.

    Nur ist diese Sichtweise nicht unbedingt hilfreich, wenn es um die Subjektive des Opfers, bei dem ja eine Verletzung vorliegt, selbst dann, wenn der Tatbestand nicht vorliegen sollte.

    An diesem Perspektiv-Problem würde sich auch im Falle einer Beweislastumkehr nichts ändern, auch wenn dann der Hinweis auf eine subjektive Verletzung für die Tatbestandserfüllung ausreichen würde. Die andere Person würde ja deswegen dennoch mitunter nicht glauben, gegen den erkennbaren Willen gehandelt zu haben.

    Das Problem ist also nicht auflösbar, sondern nur nach gewissen Regeln objektivierbar (in dubio pro reo vs. Beweislastumkehr). Deswegen finde ich, daß es durchaus mitunter auch sinnvoll sein kann, von „nicht einvernehmlichem“ Sex zu sprechen, nämlich als objektive Beschreibung eines Falles sich offensichtlich widersprechender Subjektiven, bei der die Tatbestandsbeschreibung „Vergewaltung“ eben nicht „objektiviert“ verwendet werden kann.

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